Sonntag, 10. September 2017

Wortschatz-Aufbau 


Der Dweil stand in der Ecke und wartete auf seinen Einsatz. Doch der Duumvir kam mit grosser Verspätung an. 

Würde ich jetzt meine 3-Klässler fragen, ob sie alles verstanden haben, würden sie eifrig nicken. Wenn ich konkret nachfrage: "Was ist ein Dweil?" oder "Was macht ein Duumvir?" hätten sie eine Erklärung für mich, meist holen sie weit aus und lassen ihrer Fantasie freien Lauf, sehr selten treffen sie die wahre Bedeutung der Wörter. 

Zugegeben ich habe zwei wirklich schwierige Wörter ausgewählt, wie geht es euch damit? Habt ihr eine Idee, um was es sich handeln könnte? Wenn ihr diese beiden Wörter lernen müsstet, wie würdet ihr vorgehen?

Neue Inhalte mit Bekanntem verknüpfen


Die Spielgruppen- und Kindergartenkinder lernen bei mir vor allem Nomen (Hauptwörter), die ich ihnen mit realen Gegenständen präsentieren kann. Sind die Kinder mit den Gegenständen vertraut, führe ich Bildkarten ein. Von der Hirnforschung wissen wir, dass unser Hirn neue Inhalte mit bereits Bekanntem verknüpft und dass so dicke Datenautobahnen entstehen. Dank der Gegenstände und der Bilder können sich die Kinder eine Brücke zur Erstsprache bauen, ist ihnen das neue Wort noch nicht bekannt, wird es mit Hilfe des Bildes abgespeichert. Auch die Verben verknüpfe ich so gut es geht mit einer konkreten Handlung: "Nimm die Schere und schneide hier ein Stück ab."

Auch in der ersten Klasse werden für die ersten Lese- und Schreibübungen Nomen verwendet, die mit Bildern eingeführt werden.

Lernkontrolle in der 1. Klasse 


Doch schon im zweiten Semester wurde einer meiner Schüler unter anderem mit folgenden Aufgaben konfrontiert:

- Bei welcher Temperatur gefriert Wasser? (Was bedeutet gefriert?)
- Hat es mehr Land oder Wasser auf der Erde? (Erde, das braune am Boden?)
- Wie wird die Erde auch noch genannt? (Dreck?)
- Wie sieht Wasser aus, wenn es fest, flüssig oder gasförmig ist? (gasförmig??)

Obwohl die übrigen acht Aufgaben grösstenteils richtig gelöst waren, zierten ein trauriger Smiley und ein "ungenügend" die Lernkontrolle.

Die Lehrperson hatte das Thema eingehend behandelt und den Schülern die schwierigen Wörter erklärt, dennoch kam es zu obenstehenden Verständnisproblemen.


Selbstversuch


Um die Probleme meiner Schüler besser zu verstehen, mache ich immer wieder Selbstversuche. Den Versuch einen uns bekannten Animationsfilm in einer uns unbekannten Sprache anzusehen, mussten meine Kinder und ich nach wenigen Minuten abbrechen. Hut ab vor all den Schülern, die Tag für Tag mehrere Stunden lang versuchen, dem Unterricht in einer für sie fremden Sprache zu folgen. 

Wie sieht es aber mit dem Lernen neuer Wörter aus? Ich las einen englischen Text und schrieb mir die unbekannten Wörter heraus. Zuerst versuchte ich die Wörter mit Hilfe einer englischen Erklärung zu verstehen.

futility: producing no result, having no purpose 

shallow: not thinking or capable of thinking seriously, not showing serious thought

Nun ich hatte jetzt zwar eine ungefähre Idee, aber ein richtiges Bild - Wort wollte sich nicht herauskristallisieren, also griff ich auf die deutsche Übersetzung zurück. Jetzt war alles klar. Ohne diese Verknüpfung, ohne das Verständnis hätte der ganze Text keinen Sinn gemacht. 

Die fremdsprachigen Schüler bekommen in der Regel nur eine Umschreibung auf Deutsch, welche durchaus wieder Wörter enthalten kann, die den Schülern noch nicht bekannt sind. 

In der zweiten Klasse steht die Geschichte "Oh, wie schön ist Panama" auf dem Lehrplan, darin findet sich das Wort "verwittert". 

Erklärung nach Duden: durch den Einfluss der Witterung angegriffen werden

Etwas später werden die Schüler mit den Gefühlen konfrontiert, unter anderem mit dem Adjektiv "empört". 

Erklärung nach Duden: unerhört 

Mit meinen jetzigen Drittklässlern habe ich die Gefühle und das Wort "empört" intensiv geübt, habe es ihnen mit lauten Worten und entsprechender Gestik vorgeführt. Jetzt taucht das Wort in der Geschichte von Michel aus Lönneberga wieder auf und meine Drittklässler wissen nicht mehr, was es bedeutet. Gibts doch gar nicht, denke ich.

Ich habe meine neuen englischen Wörter, es waren insgesamt fünf, während einer Woche täglich 
einmal wiederholt, dann machte ich eine Woche Pause und ... 
Die Wörter waren weg! Einfach weg! Gibt es also doch!

Die Wörter fanden keinen Eingang zu meinem Alltag und wahrscheinlich habe ich sie zu wenig oft wiederholt. Denn eigentlich bin ich gar nicht so schlecht im Sprachen lernen. 

Übersetzung in Erstsprache 


Meine Erfahrung veranlasste mich, den Schülern wieder Memokarten mit einer Erklärung und einer Übersetzung in ihre Muttersprache abzugeben, damit sie die Wörter öfter wiederholen können. Die Eltern bat ich, die Übersetzungen zu prüfen und den Kindern mit passenden Erklärungen in der Muttersprache zu helfen. Der Aufwand ist gross und es ist nicht immer einfach, die passende Übersetzung zu finden, vorallem für Sprachen, von denen ich keine Ahnung habe. Aber die leuchtenden Augen und das hörbare "Fallen des Groschen" sind es wert. "Ah, jetzt, darf ich es erklären?" höre ich jetzt immer öfter. 


Meine Erkenntnis 


Ohne eine Erklärung, ein Bild in meiner Erstsprache, ist es mir nicht möglich, ein neues Wort zu lernen. Wie lernt ihr neue Wörter? 

Wisst ihr noch welche zwei schwierigen Wörter (ich kannte diese Wörter gestern noch nicht) am Anfang dieses Blogs standen? Wer konnte sie sich merken? Wer weiss, was sie bedeuten? 

Falls ihr euch diese Wörter auch nur mit einer Erklärung bzw. Übersetzung merken könnt und wollt: 

futility: nutzlos
shallow: oberflächlich
Duumvir: altrömischer Beamtentitel
Dweil: schrubberähnlicher Aufwischer (Seemannssprache) 

Welche Ideen, Tricks habt ihr, um den Kindern neue Wörter verständlich zu machen und sie zu festigen?




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen